Die Energieproduktion aus Biomasse kann im Gegensatz zu anderen erneuerbaren Energien wie Windkraft und Photovoltaik einen echten Beitrag für mehr Artenschutz in unseren Feldfluren liefern – mit ertragreichen Wildpflanzenmischungen als Alternative zum Mais.

Der Mais ist eine Kulturpflanze, die als Futter für die Viehhaltung, zur Produktion von Biogas und selbst als Nahrungsmittel für uns Menschen angebaut wird. Im Jahr 2017 wurden deutschlandweit über 2,5 Mio. Hektar Mais angebaut, knapp 1 Mio. davon für die Produktion von Biogas. Der Mais ist dadurch nicht nur hinter dem Winterweizen die derzeit am häufigsten angebaute landwirtschaftliche Kultur, sondern auch unsere mit Abstand häufigste Energiepflanze. Gleichzeitig hat der Verlust der Biologischen Vielfalt in landwirtschaftlich geprägten Lebensräumen dramatische Ausmaße angenommen. Im Frühjahr 2017 veröffentlichte die Bundesregierung Zahlen, nach denen der Bestand der Kiebitze zwischen 1990 und 2013 um 80 %, die Zahl der Braunkehlchen um 63 % und die der Feldlerchen um 35 % abgenommen hat. Die Zahl der Rebhühner hat zwischen 1990 und 2015 sogar um 84 % abgenommen, die Jagdstrecke des Fasans ist innerhalb von 10 Jahren um 75 % eingebrochen. Im Oktober 2017 wurde eine Studie veröffentlicht, nach der die Biomasse fliegender Insekten in untersuchten Naturschutzgebieten innerhalb der vergangenen 27 Jahre um 75 % zurückgegangen ist.

Chancen des Anbaus mehrjähriger Wildpflanzen zur Biomasseproduktion

„Die Produktion von Biomasse bietet eine echte Chance
für die Verknüpfung von Landwirtschaft und Artenschutz.“

Um die Artenvielfalt in unseren intensiv genutzten Agrarlandschaften wieder zu erhöhen, ist eine Vielfalt der Kulturen und Strukturen unverzichtbar. Die Produktion von Biomasse ist dabei eine Chance: Anders als bei der Nahrungs- und Futtermittelproduktion eröffnet sie die Möglichkeit, unterschiedlichste Pflanzenarten und -sorten in Reinsaat und in Mischung anzubauen und den gesamten Aufwuchs zur Vergärung in der Biogasanlage zu nutzen. Saatgutmischungen aus ertrag- und blütenreichen ein- und mehrjährigen heimischen Wildarten und Kulturarten bieten innovative Ansätze, mit denen die Energieerzeugung aus Biomasse gleichzeitig die Ziele des Landschafts-, Natur- und Artenschutzes verfolgen kann:

• Das vielfältige Blütenangebot und die für landwirtschaftliche Kulturen lange Blühzeit bis Ende Juli/ Mitte August verbessern das Habitatangebot und die Nahrungssituation für eine Vielzahl von Insekten, inklusive Wildbienen und Schmetterlingen.
• Mehrjährige Mischungen bieten im Sommer wie im Winter Nahrung und Deckung für Niederwild, Singvögel und Wintergäste.
• Auf chemische Pflanzenschutzmittel kann weitestgehend verzichtet werden.
• Ab dem 2. Standjahr findet keine mechanische Bodenbearbeitung mehr statt wodurch Bodenbrüter und Jungtiere geschützt werden.
• Die ganzjährige Bewurzelung des Oberbodens verbessert die Humusbilanz, vermindert den Bodenabtrag durch Erosion, erhält die Bodenfeuchte und beugt der Bodenverdichtung vor.
• Mehrjährige Wildpflanzenkulturen bieten ein hohes Potential zur Stickstoffbindung und tragen dadurch vor allem in den Veredelungsregionen zum Gewässerschutz bei.
• Blühmischungen werten das Landschaftsbild auf, erhöhen den Erholungswert einer Region und ermöglichen einen Imagegewinn für die Landwirtschaft und ihre Akteure.


„… Den Bestand von Bioenergieanlagen wollen wir im Zuge der Ausschreibungen weiterentwickeln. Die Reststoffverwertung werden wir verstärken und den Einsatz von Blühpflanzen erhöhen.“

Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD 2018; 19. Legislaturperiode

Von der Randerscheinung zum Mainstream

Der Anbau von mehrjährigen Wildpflanzen als Substrat für Biogasanlagen ist eine aus Sicht des Naturschutzes ganz wesentliche Strategie, um den Verlust der Biodiversität in den Agrarlandschaften zu stoppen und den Maisanbau zu begrenzen. Die Bundesregierung hat dies im Jahr 2018 erkannt und im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD die Erhöhung des Einsatzes von Blühpflanzen in Bioenergieanlagen explizit als Ziel erwähnt. Eine sinnvolle und schnell umsetzbare Möglichkeit wäre eine Änderung des GAK-Rahmenplans zur Nutzung des Aufwuchses von Blühflächen. Die Maßnahme wäre auch ein Beitrag zu einer sich stärker am Arten- und Naturschutz orientierenden Energiewende.

Bei einer gemeinsamen Umfrage des Netzwerks Lebensraum Feldflur und dem Projekt GrünSchatz der Universität Münster waren die „Erhöhung der Artenvielfalt“, der „Imagegewinn für die Landwirtschaft“ und die „Schaffung von Lebensräumen für das Niederwild“ die Hauptgründe dafür, dass Landwirte Wildpflanzenmischungen zur Biomasseproduktion anbauen. Außerdem zeigte sich, dass Landwirte durchaus bereit sind, Mais in einem kleineren Umfang auch ohne eine finanzielle Honorierung durch mehrjährige Wildpflanzenkulturen zu ersetzen. Doch damit die Anbaufläche, die bisher im wahrsten Sinne des Wortes eher als Randerscheinung auf Grenzertragsstandorten oder schlecht zu bewirtschaftenden Restflächen zu finden ist, einen signifikanten Anteil an den angebauten Energieträgern einnimmt, braucht es agrarpolitischen Rückenwind für Energie aus Wildpflanzen. Durch weitere Forschung zur Erhöhung der Biomasseerträge und der Methanausbeute des Wildpflanzensubstrats und eine angemessene Honorierung ihres Engagements für die Biologische Vielfalt besteht eine große Chance, Landwirte für den Anbau von „Energie aus Wildpflanzen“ zu gewinnen und damit den Anteil von Blühflächen in der intensiv genutzten Feldflur spürbar zu erhöhen.